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Archaeolinks-Forum

Alexander der Grosse im Kino
Beitrag von Lorenz E. Baumer, 2004-12-15:
Demnächst kommt der neue Film von Oliver Stone über Alexander den Grossen auch in die Schweizer Kinos. Das Monumentalopus wurde von der Kritik als recht eigentlicher Flop bezeichnet.
Neben den historischen Hintergründen stellen sich natürlich auch viele archäologischen Fragen. Benützen Sie die Gelegenheit und teilen Sie Ihre Ansichten mit, oder stellen Sie Fragen, die Sie beantwortet haben möchten.

Antwort von Lorenz E. Baumer, 2005-01-02:
Eine differenzierte und ausführliche Filmkritik (in Englisch):
finden Sie hier

Antwort von Lorenz E. Baumer, 2005-01-03:
Literatur und Linksammlung zu Alexander dem Grossen:
Hier klicken

Ausführliche Webseite, mit zahlreichen Bildern und Texten, sehr zu empfehlen:
Hier klicken

Antwort von Lorenz E. Baumer, 2005-01-05:
Presseschau: Eine von zahllosen Kritiken
NZZ vom 5.2.2005

Alexander der Grösste
Oliver Stones dreistündiges Filmepos «Alexander»

An allem ist Mutter schuld. Will man den Schöpfern dieses filmischen Megamonuments Glauben schenken, zog Alexander der Grosse um 334 v. Chr. aus, die (persische) Welt zu erobern, weil er seine Übermama fürchtete: «Du bist der wahre Sohn des Zeus!», zischt Olympias (die «Queen of Camp» Angelina Jolie) mit transsylvanischem Bela-Lugosi-Akzent und fordert Taten. Indes Anthony Hopkins als altehrwürdiger Ptolemaios, die Hallen der Bibliothek von Alexandria durchwandelnd, einem Schreiber seine Lebenserinnerungen referiert (d. h. in Rückblenden den Film), wobei er den Titelhelden mit zittrigem Pathos einen «Koloss» nennt, eine «Naturgewalt», geboren aus den «Lenden des Krieges». Oder vielmehr: des Mythos.

Von jeher kennt das Kino grundsätzlich drei Methoden, Geschichten als Geschichte, als Historie, zu verkaufen: indem es den Zuschauer 1. bis zur Bewusstlosigkeit in ein Drama eintaucht (z. B. «Saving Private Ryan»), 2. quer durch einen regenbogenfarbenen Themenpark treibt («Gone with the Wind») oder 3. mit der Bio- beziehungsweise Hagiographie eines «grossen Mannes» blendet - wie Oliver Stone in «JFK», «Nixon», «The Doors». Tatsächlich scheint der Hollywood- Rebell in Alexander einen Vorläufer von Jim Morrison zu sehen, dem Leadsänger der Doors; ein jung verstorbener Popstar, der von Frieden träumte zwischen den Völkern, die ihm zu Füssen lagen. Tapfer sucht der Autor-Regisseur mit Hilfe von Freud und Ödipus, jenem lächerlichsten der digital entstaubten Genres einige Respektabilität zu verleihen: dem Sandalenfilm (obgleich hier jeder Stiefel trägt).

Für den satyrhaften Mazedonierkönig Philipp II. (Val Kilmer) ist Sohn Alexander eine Memme, bis dieser eines Tages den wildesten Hengst zureitet. Da weiht der Herrscher seinen Spross in das Geheimnis des Erfolges ein: «Nimm dich in acht vor Frauen!» - nicht zufällig schmiegen sich Hausschlangen um den schönen Hals seiner Hexenmutter. Nach der Ermordung Philipps - eine Schlüsselszene, die tölpelhaft nachgereicht wird - befehligt Colin Farrells Alexander mit blondem Haarmopp den Rachefeldzug gegen die Perser. Bei Gaugamela schlägt er die numerisch weit überlegenen Heerscharen Dareios' II. in einem Gewaltgewitter, das bald blutrot auf uns einbricht, bald aus der olympischen Perspektive eines Adlers geschildert wird, so dass wir nicht das mindeste begreifen von Alexanders taktischem Genius.

Dann, unter weichem Blütenregen, der triumphale Einmarsch in Babylon. Das Ischtartor, die Hängenden Gärten . . . im Computer nachgebaut, wabern sie wie billige Fernsehgrafiken (wogegen die Holzkulissen aus «Intolerance» von 1916 noch heute beeindrucken). Den Unterworfenen, selbst den Haremsdamen gegenüber gebärdet sich Alexander grossmütig. Seine Tugend der Mässigung hatte der Schüler Aristoteles' schon unter Beweis gestellt, als er mit den Worten «Nicht am Vorabend der Schlacht» die schmachtenden Mascara-Blicke seines Geliebten abwehrte. Ptolemaios' Kommentar bezog sich also nicht bloss auf den Ringkampf: «Alexander ist nie besiegt worden, ausser durch Hephaistions Schenkel.»

Diffamierung eines Nationalhelden! Stones - plüschige - Darstellung von Bisexualität rief bekanntlich eine Phalanx griechischer Anwälte auf den Plan (obschon die einzige Freistil-Bettszene dem Eheweib Roxane vorbehalten ist). Man einigte sich auf einen Benutzerhinweis im Vorspann: In Alexanders Heimat heisst es da nun explizit, dass es sich um keine «historische Dokumentation» handle. Als hätten Hollywoods Mythenfabrikanten solches je im Sinn; vollkommen gleichgültig, ob sie das Leben Jesu verfilmen oder jenes des Sexualforschers Kinsey, «historical consultants», die für Glaubwürdigkeit bürgen, stehen auf der Lohnliste gleich neben «dialogue coaches» und Tigerdresseuren.

Über weite Strecken trottet «Alexander» dahin wie seine müden indischen Kriegselefanten. Ungeachtet der unfreiwilligen Lacher. Nach endlosen Wüsten, den Schneetälern des Hindukusch, Dschungelfieber - «nach 10 000 Meilen» meutern Truppen und Zuschauer. Spätestens jetzt, da Feldherr Farrell zu einem flammenden Appell anhebt, realisieren sie: Diesem Leading Man folgt man allenfalls ins nächste Pub, aber gewiss nicht in den Krieg. Stone unterdessen ist einmal mehr gefesselt von einer Verschwörungstheorie (wurde der Charismatiker vergiftet?), seinem privaten gordischen Knoten. Zwar tönt der Grössenwahn Alexanders des Grossen an; die Schreie der Soldaten und der ungefragt «Befreiten» jedoch gehen unter in hymnischem Orchesterpomp. «Träumer müssen sterben, ehe ihre Träume uns umbringen», orakelt das Filmende. Hatte der Vietnamveteran Stone ursprünglich nicht geplant, Ähnlichkeiten aufzuzeigen zwischen Alexander und Amerikas amtierendem George II.? (Ab Donnerstag in den Kinos Cinemax, Metropol in Zürich)

Andreas Maurer

Antwort von Lorenz E. Baumer, 2005-01-05:
Büchertisch:
Beitrag in der NZZ vom 5.1.2005

Das historische Buch
Ein Globalisierer
Bücher über Alexander den Grossen

«Eine unverzichtbare Orientierung für meinen Film - grundlegend und zugleich höchst spannend» hat Oliver Stone, Regisseur und Drehbuchautor des Filmepos «Alexander der Grosse», das jetzt auch in die Schweizer Kinos kommt, die Biografie von Robin Lane Fox genannt. Das Lob ist berechtigt. Das 1973 in der Erstausgabe, jetzt in einer auf den jüngsten Forschungsstand gebrachten Neuausgabe erschienene Werk ist beste britische Geschichtsschreibung. Die obligatorische Gelehrsamkeit, die die griechischen und römischen Quellen zusammen mit ägyptischen, babylonischen, persischen und indischen Quellen auswertet und auch neuere archäologische Erkenntnisse einbezieht, wird mit leichter Hand dargeboten, seriös und unterhaltsam, nicht zuletzt witzig, wo der Stoff das zulässt, immer spannend ohnehin.

Faszination
Fox ist nicht blind für die problematischen Charakterzüge Alexanders, die blutige, ja mörderische Geschichte eines «Grossen». Aber im Gegensatz zu den vehementen neueren Alexander-Kritikern (Ernst Badian, Peter Green, Brian Bosworth, Ronald Syme, Ian Worthington) beschreibt er den Feldherrn doch letzten Endes bewundernd, nicht als «paranoiden Tyrannen», bei dem auch nicht erklärlich gewesen wäre, dass er bei Hellenen und den unterworfenen Persern (deren Reichsverfassung durch die neuen Quellenfunde aufgewertet wird) wie bei Zentralasiaten und Indern höchste Bewunderung und Verehrung fand.

Im Zeitalter der ökonomisch-platten «Globalisierung» fasziniert mehr denn je, was im Alexander-Zug zusammenkam: die Eroberung einer unbekannten Welt, Abenteurertum, Forschung, Wissenschaft und ein - von Fox freilich relativierter - Wille zur kulturellen Synthese, der in die erste euro-asiatische Weltkultur, die «Gandhara»-Kultur mit ihrer Vereinigung von Buddhismus und Hellenismus, mündete. Dass die grossen Gandhara-Buddhas im afghanischen Bamyan im März 2001 islamistischen Fundamentalisten zum Opfer fielen, war der bittere Widerruf einer liberaleren Geschichte.

Fox versteht Alexander als Romantiker, genauer: als Selbstromantisierer in einem rationalistischen Zeitalter, der sich freilich in einem durchaus klassischen Geist auf Homer und seine Helden bezog. Alexander war der neue Achilleus. Fox selber darf man auch wohl unter den Romantikern vermuten: Er hat nicht nur für Stones Film an der Rekonstruktion der atemberaubenden Schlachten, der Waffen, der Taktiken mitgewirkt, sondern auch selber mitgespielt. So konnte der Historiker im Zeitalter filmtechnischer Reproduzierbarkeit seinem Helden höchstpersönlich begegnen.

Auf den Spuren Alexanders
Filmliebhaber, die noch lesen, können sich weiter in dem Buch der französischen Historikerin Claude Mossé über «Leben und Legende» Alexanders kundig machen. Sie differenziert ebenfalls «Licht und Schatten» in seinem Charakter, versucht aber die legendarischen Extreme zu meiden. Die Neuausgabe der grossen Alexander-Biografie von Johann Gustav Droysen, 1833 erstmals erschienen, führt an den Anfang der deutschen Alexander- und Hellenismus-Forschung zurück. In Grossbritannien undenkbar, dass es in dem sonst schönen Buch kein Register gibt.

Die eindrucksvolle Dokumentation «Alexander in Indien» geht auf die erhaltenen antiken Alexander-Quellen selber zurück, die freilich nachalexandrinischen Datums sind. Das Wunderland Indien, das wie sonst nur noch Griechenland seltsamste Menschenarten wie etwa die Philosophen, die «Gymnosophisten» (nackte Weise) hervorgebracht hat, lebt hier fabelhaft plastisch auf.

Leser, die auch noch die Reise zum Film und zum Buch machen wollen, halten sich am besten an Michael Woods Reisebericht «Auf den Spuren Alexanders des Grossen». Mit einem BBC-Team ist Wood möglichst getreu in den Spuren Alexanders gegangen - und gefahren. «India Overland», wie es sich früher für einen rechtschaffenen Reisenden mindestens einmal im Leben gehörte - das stösst heute auf fast unüberwindliche Probleme. Die Mullahs und Taliban sind vermutlich grössere Hindernisse, als Alexander sie in persischen und indischen Kriegselefanten fand.

Ludger Lütkehaus

Robin Lane Fox: Alexander der Grosse. Eroberer der Welt. Aus dem Englischen von Gerhard Beckmann. Klett-Cotta, Stuttgart 2004. 807 S., Fr. 51.40.

Claude Mossé: Alexander der Grosse. Leben und Legende. Aus dem Französischen von Jochen Grube. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2004. 276 S., Fr. 49.-.

Johann Gustav Droysen: Alexander der Grosse. Insel, Frankfurt am Main 2004. 739 S., Fr. 27.40.

Alexander in Indien. Hrsg. von Johannes Hahn. Jan Thorbecke, Stuttgart 2000. 300 S., Fr. 43.60.

Michael Wood: Auf den Spuren Alexanders des Grossen. Eine Reise von Griechenland nach Asien. Aus dem Englischen von Ursula Blank-Sangmeister und Helga Biem. Reclam, Stuttgart 2002. 256 S., Fr. 52.20.

Antwort von Lorenz E. Baumer, 2005-01-06:
Diesmal eine Kritik aus dem Berner Bund vom 6.1.05:

Zwischen Dichtung und Wahrheit
Der Film «Alexander» im Licht der aktuellen historischen Forschung

Schon zu seinen Lebzeiten rankten sich Legenden um Alexander den Grossen. Die Schwierigkeit, zwischen Fakt und Fiktion eine klare Trennlinie zu ziehen, eröffnet Raum für kreative Spekulationen, den Regisseur Oliver Stone rege nutzt
Familienzwist, Mordlust, Entdeckerdrang, unglaubliche militärische Erfolge und eine neu gestaltete Welt in West und Ost: Dies alles bietet die Biografie des Makedonenkönigs Alexander. Neben der Vielzahl von Büchern über diesen Mann gibt es bislang nur wenige filmische Annäherungen: Der Versuch, ein so ereignisreiches, welthistorisch bedeutsames Leben in das Format eines Kinofilms zu pressen, ist ein riskantes Unterfangen.


·
Der eigenwillige US-Regisseur Oliver Stone ist dieses Risiko eingegangen – und dafür von Kritikern und Publikum in Übersee bös abgestraft worden. Inwieweit sein Werk künstlerischen Ansprüchen genügt, ist nicht Thema dieser Erörterungen. Wir fragen nach der historischen Akkuratesse des stoneschen Produkts, und was diese anbelangt, kann festgehalten werden: Der Regisseur hat seine «Hausaufgaben» gemacht und sein persönliches Alexander-Bild mit antiken Quellen sowie mit einigen – nicht unumstrittenen – Ergebnissen der neueren Geschichtsforschung auf durchaus beachtliche Weise unterfüttert.
·
Etliche Heerführer, die in den Feldzügen Alexanders mitgefochten hatten, veröffentlichten ihre Version der Geschichte, darunter der spätere König Ägyptens, Ptolemaios. Diese Berichte aus erster Hand sind allesamt längst verschollen. Zur Verfügung stehen lediglich Berichte antiker Autoren, die viel später schrieben, aber noch Zugriff auf diese Werke hatten. Schon zu Alexanders Lebzeiten hatte jedoch die Legendenbildung eingesetzt, und so sind heute Fakt und Fiktion, Tatsachenbericht und Propaganda oft schwer auseinander zu halten – was allerdings Raum lässt für eigene Interpretationen.
·
Dies muss in Rechnung gestellt werden bei der Frage nach der historischen Authentizität des Gezeigten. Auf Bauten und Kostüme, entworfen auf der Grundlage antiker Darstellungen, wurde eine detailbesessene Sorgfalt verwendet wie noch selten in einer Grossproduktion. Ein Fest fürs Auge ist Alexanders Einzug in der Metropole Babylon durch das Ishtar-Tor. Die Mauern und Portale der Stadt mit ihren lasierten blauen Kacheln wurden in Marokko nachgebaut und am Computer ins Monumentale vergrössert. Optisch eindrücklich und militärhistorisch stimmig ist auch die Wiedergabe der Schlacht bei Gaugamela, wo der Kinobesucher im wahrsten Sinn des Wortes «aus der Vogelschau» – wir sehen die Szenerie durch die Augen eines das Schlachtfeld überfliegenden Adlers – die gewaltige Übermacht des Perserheeres und die Beweglichkeit der makedonischen Einheiten, darunter die berühmte Phalanx, vorgeführt bekommt.
·
Niemand vermag sämtliche Ereignisse und Entwicklungen der Alexander-Vita in einen Kinofilm zu packen. Eine Auswahl muss getroffen und manches komprimiert werden, das gehört zur künstlerischen Freiheit, die sich auch Oliver Stone herausgenommen hat. Sein Film konzentriert sich zunächst auf die Jugend Alexanders, überspringt dann viele Stationen des Feldzugs und setzt erst wieder ein, als sich Alexander auf der Höhe seiner Macht befindet. Anschliessend widmet sich Stone ausgiebig den letzten Jahren des Rastlosen, der diese Macht nicht etwa ruhig konsolidierte und sich am Erreichten erfreute, sondern der stets noch weiterziehen musste und sich dadurch zunehmend seinen Soldaten entfremdete. Im Lichte dieser Fokussierung sind Stones Auswahl und die Abfolge der dargestellten Ereignisse nachvollziehbar, auch wenn dazu die historischen Fakten etwas umgebogen werden. So vermischt Stone für die zweite grosse Filmschlacht verschiedene historische Ereignisse: den Kampf gegen den Inder Poros am Fluss Hydaspes und die Belagerung der indischen Stadt Malli, wo Alexander knapp dem Tod entging. Stone zieht das alles zu einer apokalyptischen Phantasie-Dschungelschlacht zusammen.


Heikel wird es in dem Bereich, wo sich die Frage stellt: Spiegelt der Film wirklich die Lebens- und Denkhaltungen, Motivationen, Ansichten und Erwartungen der Menschen des vierten vorchristlichen Jahrhunderts wider? Als an psychologischen Triebkräften interessierter Regisseur begibt sich Stone auf ein Terrain, das sachliche Historiker inzwischen meiden. Stone zeichnet ein klassisches ödipales Dreieck: Alexander ist Mamas Liebling, begegnet seinem Vater mit verzweifelter Hassliebe und versucht, wenn nicht den Vater selbst, so doch dessen Ruhm auszulöschen durch viel spektakulärere Kriegstaten. Nun war Ödipus zwar ein alter Grieche, aber hier den modernen Freud zu bemühen, ist anachronistisch und fragwürdig; Neid und Mord unter Verwandten waren am ungeschlachten makedonischen Königshof seit Generationen an der Tagesordnung.


·
In einem weiteren Punkt deckt sich Stones Darstellung von Alexanders Motivation nicht (mehr) mit der Mehrheitsmeinung der Historikerzunft. In einigen Szenen spricht Stones Makedonenkönig von seinem Traum, durch seine Eroberungen sämtliche Staats- und Volksgrenzen aufzuheben, um so die Einheit einer in Gleichheit und Brüderlichkeit verbundenen Menschheit herbeizuführen. Diese romantisierende Sicht geht, neben Ansätzen bei Johann Gustav Droysen, vornehmlich auf den britischen Historiker W. W. Tarn zurück und wird inzwischen nur noch von wenigen Fachkollegen geteilt. Einer davon ist allerdings Oliver Stones historischer Berater Robin Lane Fox, dessen spannend geschriebene Alexander-Biografie eben bei Klett-Cotta auf Deutsch neu aufgelegt wurde.
·
Kultureller Erneuerer oder rücksichtsloser Eroberer, Herrscherideal oder Despot – es gibt viele konkurrierende Alexander-Bilder, auch unter Historikern. Oliver Stone zeigt weniger den strahlenden Helden (vielleicht nehmen ihm genau das ja viele Kinobesucher übel) als vielmehr einen getriebenen Sucher. Inwieweit dies der historischen Wahrheit entspricht, kann bei der mangelhaften Quellenlage schlicht nicht beurteilt werden. Der Historiker Wolfgang Will fasste einst das «gesicherte» Wissen um Alexander augenzwinkernd überspitzt zusammen: «Der Makedonier Alexander zog in den Osten und starb dort. Vermutlich.»


[i] literatur Robin Lane Fox: «Alexander der Grosse. Eroberer der Welt.» Aus dem Englischen von Gerhard Beckmann. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, 807 S., Fr. 51.40. Johann Gustav Droysen: «Alexander der Grosse.». Insel, Frankfurt am Main 2004, 739 S., Fr. 27.40.

Originaler Artikel

Egomanen im Bann eines Egomanen
Der Film «Alexander» aus filmkritischer sicht

Durch den Mund von Anthony Hopkins als ägyptischer Pharao Ptolemaios I. spricht Oliver Stone: «He changed the world», sagt er über den legendären Feldherrn Alexander, der im Jahr 356 vor Christi als Sohn des makedonischen Königs Philipps geboren wurde und nach einem zehnjährigen Feldzug, der ihn nach der Zerschlagung des persischen Grossreichs von Dareios III. bis nach Indien führte, im Alter von 32 Jahren verstarb. «Ich habe viele grosse Männer gekannt, aber nur einen Giganten.»


Es liegt bei dieser Geschichte in der Natur der Sache, dass sich Egomanen angezogen fühlen. Bereits 1956 kam mit «Alexander the Great» ein Film in die Kinos, bei dem mit Robert Rossen ein Mann in Personalunion als Produzent, Regisseur und Drehbuchautor amtierte. Bei diesem als DVD ohne besondere Extras erhältlichen Film dominiert noch die Ikonografie traditioneller Grossproduktionen, in denen sich theaterhafte Dialoge abwechseln mit spektakulärem Schlachtfeldgetümmel. Die Titelgestalt wird individualpsychologisch interpretiert als Opfer eines übersteigerten Grössenwahns.
Beim neuen «Alexander» wirken hinter der Kamera gleich mehrere Exzentriker, die sich als Seelenverwandte des «Herrschers zweier Welten» fühlen. Zum einen ist das Regisseur Oliver Stone, der seine Faszination für grosse Namen der Weltgeschichte in Filmen über Kennedy, Nixon und Fidel Castro offenbarte und die Welt auch dann im Kriegszustand schildert, wenn er sich mit Börsenmaklern («Wall Street») oder Sportlern («Any Given Sunday») beschäftigt. Enthusiastische Verbündete hat Stone in den deutschen Produzenten Moritz Borman und Thomas Schühly gefunden. Bereits 1990 bekundete Schühly öffentlich die Absicht, einen Alexander-Film zu drehen. Damals war von einem Budget von 75 Millionen Dollar und Tom Cruise als Hauptdarsteller die Rede, doch das Interesse war gering.
Erst der Kassen- und Oscar-Triumph von Ridley Scotts «Gladiator» hat das Projekt ins Rollen gebracht. Mit Hollywood allerdings hat der neue «Alexander» nur am Rand zu tun. Das 160-Millionen-Dollar-Budget setzt sich aus Geldern aus Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zusammen. An 95 Tagen ist in Indien, Thailand, auf Malta und in den Wüsten Marokkos gedreht worden; die Atelieraufnahmen sind in den britischen Pinewood-Studios entstanden, geschnitten worden ist das 175-Minuten-Opus in einem Montageraum in Paris. Vor der Kamera agieren mit Colin Farrell als Alexander ein irischer Schauspieler, der immer noch als neuer James-Bond-Darsteller im Gespräch ist, sowie die als «sexiest woman alive» geltende Amerikanerin Angelina Jolie als Alexanders Mutter Olympias.


Faszinierend im Scheitern


In der Schilderung von Alexanders Lebensabschnitten – Geburt, Unterricht bei Aristoteles, der Antritt als König und der jahrelange Feldzug – bewegen sich Stone und seine Ko-Autoren Christopher Kyle und Laeta Kalogridis erstaunlich nahe bei Rossens Film. Mehr drastische Details bieten sich nicht nur in den blutigen Mord- und Schlachtszenen, in denen Stone mit echten Pferden und Elefanten und nicht mit digitalen Wesen arbeiten wollte; so ist Alexanders Vater diesmal wirklich einäugig und entsprechend abstossend, Olympias lebt exzessiv ihre Faszination für Schlangen aus, und Alexanders Bisexualität wird diesmal nicht unter den Teppich der Verschwiegenheit gekehrt.
Etliche Dialoge nehmen Bezug auf Homers «Ilias» und die jung verstorbene Heldengestalt Achilles: Auch in einem Zeitalter, wo es weder Kino noch Internet gab, vermögen ewigen Ruhm versprechende Mythen die Köpfe zu erobern. Wie viele in ferner Vergangenheit spielende Filme redet auch «Alexander» regelmässig von der Gegenwart. Wenn etwa Persiens Herrscher Dareios nach verlorener Schlacht in die Berge flüchtet und erst nach mehrjährigem Guerillakrieg fällt, liegen Parallelen zu aktuellen Ereignissen in Afghanistan und in Irak auf der Hand.
Wie immer gefährlich wird es, wenn sich Stone aufs Feld politischer Interpretationen begibt. Er sagt dabei ja nie: So könnte es gewesen sein, sondern behauptet immer forsch: So ist es gewesen. Das ist hier nicht weniger problematisch als in «JFK»: Wenn Ptolemäus behauptet, Alexander habe die Vorherrschaft von Stämmen beendet, ist das historisch ebenso falsch wie die Szene in Persien, in der Alexander Bildung für alle verspricht.
Solchen zweifelhaften Elementen zum Trotz hat «Alexander» packendere Sequenzen als jeder andere Sandalenfilm seit «Gladiator» zu bieten – wie sein Protagonist ist auch Stones Film im Scheitern immer noch faszinierender als «Troy» oder «King Arthur».
[i] Der Film läuft in Bern im Kino Bubenberg.

Originaler Artikel

Antwort von Lorenz E. Baumer, 2005-01-12:
Zur Abwechslung eine mit spitzer Feder geschriebene Kritik in Englisch, erschienen in der Dezember-Ausgabe des "New Yorker"

Oliver Stone's "Alexander."
BY ANTHONY LANE
For more than thirty years, the shy, self-effacing Oliver Stone has been nursing fantasies of a film about Alexander the Great, although what attracted him to such a megalomaniac I can't begin to imagine. In the meantime, Stone has been forced to fill his days with sissy little chamber pieces such as "Natural Born Killers," "Born on the Fourth of July," and "Platoon." Now, at last, the hour has come, or, to be specific, the two hours and fifty minutes. That's a long haul, but then Alexander, whose idea of a brisk after-lunch walk was to march a hundred thousand men and their supporting retinue across the Hindu Kush, covered a lot of ground.
He is played, in "Alexander," by Colin Farrell—and, for the boyhood scenes, by Connor Paolo, who makes a highly plausible mini-Farrell, right down to the Irish accent. Many of the voices in Stones’ picture have a serrated Celtic edge to them, which makes a change from the polite, sugar-sprinkled English tones in which most historical dialogue is enunciated. If our hero had been Athenian, such decorum would have been in order, but he and his clan came from Macedonia, to the north, and it was a neat, educated guess on Stone's part to hint at that frontier mentality—one of Alexander's generals remarks, in the heat of conquest, that they are "the grandsons of goatherds"—by branding his characters with a rough tongue.
The telling begins in flashback, with the elderly Ptolemy (Anthony Hopkins), once a companion in arms to Alexander, pottering about his terrace in Alexandria and explaining to a scribe precisely how matchless the man was. This plugging recurs at regular intervals; almost three hours after learning that Alexander was a "colossus" and a "force of nature," we are informed that "his failures towered over other men's successes," and so on. I'm afraid that I resent any movie that incorporates its own PR. department, especially when there is no need; if recounted in style, the exploits of Alexander, of all people, should be relied upon to sell themselves.
Alexander, born in 356 B.C., was the son of King Philip II of Macedonia and Olympias, one of his many wives; or, to put the matter in its most startling form, Colin Farrell is the son of Val Kilmer and Angelina Jolie. Wow. Given parentage of that calibre, the boy was never going to be your basic, middle-income Macedonian. Either he was going to conquer nation-states all the way from Athens to India, engraving his name in history, or he was going to wind up running a club called Oedipussy on the wrong end of Mykonos. There is certainly no love lost, in this movie, between Alexander and his father, but the amount of love earned, and wrestled over, between mother and son should have been enough to draw the attention of social services, better known as the god Apollo. Jolie is in her element here, bravely choosing to impersonate a Russian gangster in the delivery of her dialogue, and spending large portions of the film with a snake or two coiled around her person. "Her skin is wet. Her tongue is fire," the Queen says of her favorite pet, although it could be the other way around. We are supposed to read these scenes as evidence of her exotic unknowability and pagan working practices, although, if half of what I hear is true, they resemble a perfectly normal day in the Jolie household.
Alexander, tearing himself away from his adhesive mother, learns how to wrestle, ride, and philosophize, though not all at the same time. His tutor in this last discipline is Aristotle himself-—a thankless role for any actor, although Christopher Plummer does a fine job, radiating as much temperate humor as is compatible with wearing an off-the-shoulder bath towel. A pupil asks about male love. "When men live together, and knowledge and passion pass between them, that is pure," Aristotle replies. Now, excuse me, but isn't that pretty close to what eleven states just voted against? If Aristotelian love is a no-no, where does that leave the platonic variety? And why should Jared Leto, in the mascara-tinged part of Alexander's lover Hephaistion, be such an alarming ringer for Kurt Cobain? It seems highly improbable that a film in which very close friends wage war in matching leather miniskirts will find favor in the White House screening room. On the other hand, what a war! Stone, who was in President Bush's class at Yale, uses "Alexander" to offer a strident argument in favor of unilateral aggression against foreign powers, on the ground that—guess what—it's good for 'em. The battle of Gaugamela, in 331 B.C., in which a quarter of a million men, under King Darius III, were put to rout by Alexander with a force of less than fifty thousand, was, in essence, the launch of Operation Persian Freedom.
We are blessed with an eagle-eyed view of Gaugamela—literally so, with the eagle in question scything above the conflict, from one sand-whipped flank to the other. Stone is at his happiest and most frantic here, perhaps even more in the anxious prelude to battle than in the shudder of the actual bloodletting; his shot of the Macedonian spears held high, rattling like reeds in a stiff wind, is rife with the threatening energy that Stone fans have always relished. The strange thing is that, elsewhere, those fans may have cause to feel cheated, or depleted, because there is precious little chance for Stone to practice what he does best: the close combat of riled and raucous souls. James Woods snarling like a Doberman at the wheel of a car, in "Salvador": that is Stone country, not thousands of digitally multiplied Persians, or year upon year of eastward marching into an unpredictable yonder. The epic of a real life may seem dramatically enticing, but, on closer inspection, even a life as replete as Alexander's has a stammering and plotless feel, with violent set pieces dropped into a wilderness of bickering. Is it not smarter and; more gratifying to follow the path of "Gladiator," in which a fictional hero, his progress molded to have shape and momentum, can be carefully locked into a landscape of verifiable history?
Stone s picture rises to a climactic, resounding clash in an Indian forest, with Alexander and his men dodging trees as they charge a wall of elephants. Unfortunately, it's not a climax after all. We get a lovely shot of an armed and jewelled elephant rising up on its hind legs, mirrored by a rearing Bucephalus—Alexander's trusted horse, whom he first rode as a boy, and who should surely be living in Florida and playing canasta by now. The image has a classical dynamic, clanging with memories of the Alexander whom we know from mosaic, relief, and statuary, and the stillness of it is broken by an arrow whistling into his chest. The screen mists over with red, and we brace ourselves for his demise. No such luck. The facts are against us (he succumbed to a fever, possibly induced by poison, in 323 B.C.), and we have another half hour in the dark. "His life should have ended in India," Ptolemy says in rueful voice-over, as if to admit that the movie should have followed suit.
These narrative pitfalls are not unprecedented. They beset Robert Rossen's "Alexander the Great," made in 1956, but that at least had Richard Burton in the title role. Burton's wig appeared to be woven from caramel fudge, but he was blessed with (a) a great first entrance, fresh from the hunt, carrying a dead Macedonian lion over his shoulder, and (b) that voice. When Burton rallied his troops, they stayed rallied, whereas Colin Farrell has no such jolt in his delivery. If Stone wanted a man given to beefed-up rhetoric, he should have hired Cedric the Entertainer. "Alexander" was touted as Farrell's big chance, and it's not really his fault that he blows it. He is a cocky, insidious presence, flashing his eyes and wit to tremendous effect in "Minority Report" and the Irish movie "Intermission," which cost about as much as one Persian breastplate and had twice the fire and spit of "Alexander." Farrell comes across here as twitchy, straw-haired, and buzzing with sexual mystification, as if he had researched the life of Anne Heche by mistake, and he seems bewildered by the film's demands, uncertain whether to opt for a stiff-backed action man— an unironic legend, the sort of role that nobody has been able to master since Charlton Heston retired—or a tortured, more modern spirit, his taste for love dulled by his addiction to fame.
No surprise, maybe, that a film that bows down to a manly myth should be stolen by actresses—first by Angelina Jolie, and then by Rosario Dawson. She plays a provincial princess, sporting a headdress like a deluxe birdcage, whom Alexander, to the bemusement of his generals, marries up in the hills. "Let us go back to Babylon," she suggests. "We'll talk about this later," he replies. Still, the happy couple do enjoy one great scene together, and it's the high point of the movie—a naked tussle, in which she puts a knife to his throat. The whole sequence is quick, funny, and arousing, in sharp contrast to the rest of "Alexander," which is sluggish, unsmiling, and almost as limp as the feather fans with which our heroes are gently aerated on their trip to the Hanging Gardens of Babylon. Alexander the Great was never beaten on the field of battle; only in the bedroom, according to Oliver Stone, did he finally meet his match.

Antwort von Lorenz E. Baumer, 2005-03-29:
Ein Kommentar zum Film von M. Junkelmann, erschienen in der Zeitschrift Antike Welt 2005/2, jetzt im archaeologieforum.at

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Laeetitia Phialon

L’émergence de la civilisation mycénienne en Grèce centrale.
AEGAEUM 32. Annales liégeoises et PASPiennes d’archéologie égéenne
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